"Ohne Titel"

von Juan L.Gärtner, Dipl. Chemiker

Irgendwo in Colorado, USA, schwingt ein Cäsium-Atom auf und ab. Ein Detektor stellt fest, dass es wieder sechs Millionen Schwingungen vollzogen hat und leitet diese Informationen weiter. Für die Menschen ist eine Sekunde vergangen. Die Atomuhr in Colorado ist die bisher genaueste Uhr der Welt: per Definition entspricht eine genau bestimmte Anzahl von Schwingungen des Cäsium- Atoms einer Sekunde.

Ein Atom schwingt ganz unbeschwert vor sich hin, und für uns Menschen vergeht dabei Zeit. Der interessierte Beobachter dieser Ereignisse stellt allerdings dabei fest, dass hier nicht eigentlich Zeit gemessen wird. Dem Autor ist kein Versuch bekannt, bei dem tatsächlich direkt Zeit gemessen wurde. Also durchforstet er das Wissen, dass er sich als Chemiker angeeignet hat und sucht dabei nach der Zeit. Er erinnert sich an chemische Gleichungen, bei denen das "t" die Zeit sympolisiert. Jene Gleichungen beschreiben allerdings nur die Entstehung von neuen Verbindungen aus vorhergehenden oder wie ein bestimmtes System Energie an die Umgebung abgibt und sich dabei abkühlt. Allesamt Ereignisse, denen zuweilen eine gewisse Dramatik innewohnen kann, wie z.B. die der innigen Verbundenheit zweier Kohlenstoffatome, die durch einen plötzlichen Anstieg der Energie und der Anwesenheit eines bösartigen Sauerstoffatoms für immer getrennt wurden. "Plötzlich", "für immer"- Worte durch die sich in diese Beschreibung die Zeit hineinzuschleichen scheint.

Auf der Suche nach der Zeit gerät der Autor endlich an die Thermodynamik, die unter anderem thermische Veränderungen von Systemen aus vielen Teilchen beschreibt. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Thermodynamik besteht darin, dass es in der Natur eine Richtung für den Fluß von Ereignissen gibt. Alle Systeme haben die ihnen innen wohnende Eigenschaft, sich so zu verändern, dass sie den Zustand mit der geringsten Energie erreichen. Das entspricht leider auch dem Zustand höchstmöglicher Unordnung: wenn ein wertvolles Sektglas zerspringt und der ganze

Küchenboden mit Glasscherben übersät ist, wird dieses Glas höchstens in den Wunschvorstellungen des Verursachers dieser Katastrophe aus seinen zerstreuten Teilen wieder zu seiner vorherigen schönen Form zusammensetzen. Die Atome, die sich in einem sehr geordneten Zustand im feinen Sektglas befanden, haben nun einen viel gemütlicheren Zustand erreicht und keinerlei Bestrebung, spontan, d.h. von selbst, sich wieder zusammenzufügen.

Dieser dramatische Fall zeigt, hoffentlich deutlich genug, die Irreversibilität von Ereignissen in der Natur. Diese Ausrichtung von Prozessen in der Natur, diese Unwiederbringlichkeit eines ehemaligen Zustandes, kann durch eine tatsächlich messbare Größe beschrieben werden: der Entropie. Seit dem Big Bang, bei dem sich die gesamte Materie des Weltalls in einem Zustand äußerster Ordnung befand, nimmt diese Entropie des Universums stetig zu.

Es gibt extrem unwahrscheinliche Zustände spontaner Ordnung in der Natur, zu denen das Leben eines Menschen zählt, diese werden aber von der Thermodynamik als metastabile Zustände abgetan, das heißt in etwa: vorübergehende Zwischenzustände, die nur kurzzeitig haltbar sind, so wie die Mich oder das besagte Menschenleben. Ein weiterer metastabiler Zustand der Materie ist das menschliche Bewußtsein. Dieser extrem unwahrscheinliche thermodynamische Zustand braucht für seine Existenz ein Vorher, ein Jetzt und ein Später. Er findet diese Gebilde in der Unumkehrbarkeit natürlicher Prozesse: Die Entropie, die eindimensionale Richtung der Ereignisse in der Natur, scheint uns Menschen ein nicht meßbares Gebilde wie die Zeit aufzudrängen.

Einstein beschrieb die Zeit als eine existierende vierte Dimension des Weltalls.

Der etwas fassungslose Autor stellt allerdings an diesem Punkt seine Nachforschungen über die Zeit ein und hofft, daß andere sie weiterführen.