"Räume"

von Jochen Roemer, Architekt aus Berlin

Jeder weiß spontan, was Raum ist: Innenraum, Außenraum, Wohnraum, Weltraum, öffentlicher Raum, Klangraum, Kulturraum... Räumlichkeit ist die dritte Dimension.

Bei näherem Besehen stellt man fest, dass Räume von Material umgeben oder imaginär sind, Raum selbst jedoch nicht vorhanden ist. Beispielsweise ist ein Wohnraum das Innere eines materiellen, architektonischen Außen. Der Raum selbst ist das Abwesende, das Dazwischen, der Hohlraum der von außen begrenzt ist. Das mit Raum gefüllte Behältnis ist wiederum umgeben von Raum, vom unendlichen Raum, der Hülle aller Dinge.

Jeder Raum definiert sich aus seinen Begrenzungen. Die sinnliche Wahrnehmung seiner Grenzen macht ihn als Raum erfahrbar; wobei seine visuelle Wahrnehmung durch Hören, Riechen, Tasten ergänzt wird. Für die Raumwahrnehmung ist es unerheblich, ob die Grenzen des Raums aus durchgängig abgeschlossenen Flächen oder aus Linien, Punkten oder Andeutungen bestehen. Die Begrenzungen können immaterieller Natur sein und einen Raum vorausahnen lassen. Er muss auch nicht notwendigerweise klar abgegrenzt sein, sondern seine Grenzen können uneindeutig, diffus sein, wie bespielsweise bei Licht oder Klang.

Neben der Raumdarstellung spielen Wünsche, Einbildungskraft, Vorprägung und Erinnerung des Betrachters eine große Rolle.

Bewegung ist die Veränderung der Position im Raum. Erst durch Bewegung wird Räumlichkeit erlebbar und verdeutlicht die Verschränkung von Raum und Zeit. Bewegung, die tatsächliche und die vorgestellte, erlaubt die Einschätzung von Größe und Dimension. Unbestimmte Leere wird bestimmt.

Die Existenz des Weltraums ist vorstellbar durch das Vorhandensein der Gestirne. Einerseits existiert zwischen Ihnen und der Erde Raum und Zeit, andererseits bedingt das Fehlen einer den Weltraum abschließenden, materiellen oder immateriellen Begrenzung, diesen ausschließlich theoretisch, wissenschaftlich erfassen und definieren zu können. Die Infragestellung auch anerkannter Theorien verdeutlicht die Schwierigkeit des Unterfangens.

Die Qualität des Raums ist das Spannungsverhältnis des Wahrnehmenden zu den Begrenzungen. Texturen, Gestaltungen, Anordnungen, Ryhtmen beeinflußen die Wirkung- Tiefe, Dichte und Offenheit- des Raums.

Ein Bild kann in sich keinen Raum- auch keine Gegenstände- erzeugen, es kann lediglich Abbild sein. Der Raum im Flächenbild wird durch Hilfsmittel geschaffen. Darstellungen durch Licht und Schatten, Perspektiven, Wänden u.ä. bilden künstliche Grenzen und Raumtiefen, in denen gedachte Bewegungen virtuelle, eingefrorene Räume entstehen lassen.

Der virtuelle Raum ist der nicht existierende (Hohl)- Raum. Er entsteht überall dort, wo seine Begrenzungen vorgetäuscht oder abgebildet wird, beispielsweise im Trompe d'oeil, im Foto, im Film oder in der bildenden Kunst. Bewegung kann im virtuellen architektonischen Raum- auch im Film- nicht stattfinden.

Ein Objekt befreit sich quasi aus seiner Zweidimensionalität, die es ihm erlauben würde, Abbild zu sein. Seine äußeren Begrenzungen machen es zum autonomen, räumlichen Objekt. Der Körper selbst ist kein Raum. Er steht vielmehr in ihm, er verdrängt Raum. Seine Kanten und Flächen bilden nun die Grenzen zum verbleibenden Raum.

Um Objekte kann der Betrachter herumgehen, er kann sie von allen Seiten betrachten. Bewegung eröffnet theoretisch unendlich viele Möglichkeiten einer Wahrnehmung des Objekts, es wird dreidimensional.

Die Wechselbeziehung zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten umgibt jedes Objekt mit einem diffusen Umraum, einem Bildraum. Die Intensität der entstandenen Bildräume ist bestimmt von der Kraft der erzeugten Spannungsfelder, der Dynamik der Anziehung und Abstoßung und kann von jedem Betrachter unterschiedlich erlebt werden.

Bildräume- Raumüberlappungen, Raumdurchdringungen- stören die alte, konstruierte Ordnung des Raums und definieren diesen neu.