"Ohne Titel"

von Christoph Biermeier, Theaterregisseur

Wenn Bilder zur Bewegung drängen, sie den gewohnten Rahmen verlassen, sich anziehen, ineinanderschieben und wieder abstoßen, sie gleichsam zu Akteuren eines geheimnissvollen Geschehens werden, das sich vor dem Hintergrund von Farbe und Format abspielt, dann ist der Weg zur Bühne nicht weit. Die Bilder werden zur Handlung, zum Drama also, die Malerei weitet sich zur Bühne hin. Der Weg der Malerin Ilona Lenk zur Bühnenbildernerin (und wieder zurück) ist wohl zwangsläufig. Dabei ist sie in guter Gesellschaft: Kandinsky mit seinem "Gelben Klang", Schlemmers "Triadisches Ballett", Achim Freyer oder Robert Wilson; alles Wanderer zwischen den Kunstwelten.

Der Raum, ein altes Kellergewölbe, ideal für die Umsetzung von Lessings "Philotas", der Tragödie eines Prinzen, der in Gefangenschaft gerät. Gegen den Naturalismus des Verlieses setzt Ilona Lenk einen strengen, durchkomponierten Anti-Realismus: Blaue, dimmbare Leuchtstoffröhren zeichnen die Raumlinien in der Horizontalen sowie in der Vertikalen nach. Blaue Metallplatten auf dem Boden verströmen

Kälte. An den Wänden hängen Plexiglaskäsen, gefüllt mit heliogenblauen Pigmenten, die wirken, als wären sie die Asche gefallener Helden. Eine suggestive Atmosphäre von klirrender Kälte und Unerbittlichkeit. Die Figuren dieser Geschichte scheinen extrem ausgesetzt, die Grenzen zwischen Sieger und Besiegten verwischen, kein sicherer Ort, nirgends. So konterkariert der Bühnenraum die vordergründige Struktur des Textes, leuchtet schonungslos die Kehrseite des hehren Pathos von Vaterlandsliebe und Moral aus.

Die Bühnenbilder Ilona Lenks ziehen den Texten gleichsam die Haut ab, schneiden in ihr Fleisch, sezieren, bis sie an den Punkt gelangen, den Goethe den geheimen nannte, nämlich der Punkt, an dem der Mensch in seiner ganzen Schutzlosigkeit erkennbar wird, der Punkt, an dem der Mensch selbst zum Schauplatz wird, indem das, was er will, und das, was er soll, ihn zu zerreissen droht. Die Bühnenbilder Ilona Lenks legen die Nerven der Stücke bloß.